Wahrnehmungsdefizite oder bewusste Ausgrenzung?

Von: Peter Böhme
Am: 30.03.2005  16:07:20

Seit kurzem können die Anwohner der Hauptstrasse auf sehr geschmackvoll gestalteten Schautafeln zur Kenntnis nehmen, welche Feste sie in diesem Jahr wieder über sich ergehen lassen dürfen (müssen).
Wir brauchen eine lebendige Innenstadt, meint der OB. Recht hat er. Aber heißt nicht Gastgeber zu sein, die Bürger, welche dort wohnen, wenigstens einzubeziehen? Auch diese sind für eine lebendige Innenstadt, für kulturvolle Feste. Gern wollen sie sich mit engagieren, wollen Erfahrungen, Wünsche und Vorschläge einbringen. Das könnte doch den Hauptstrassenfesten nur dienlich sein. Meinen Sie nicht, Herr Oberbürgermeister?
Manche der nun schon traditionellen Hauptstrassenfeste tragen dem Anliegen einer kulturvollen und lebendigen Innenstadt durchaus Rechnung, so z.B. das jährlich wiederkehrende Weinfest im Juli oder der Töpfermarkt im September. Auf andere Hauptstrassenfeste trifft das Gegenteil zu. So z.B. auf die, aus Anwohnersicht, berühmt-berüchtigte "Biermeile", die sich seit Jahren in Richtung einer "Krawall- und Zerstörungsaktion" entwickelt. Kernstück dieser Biermeile ist u.a. eine Bühne mit Beschallungstechnik, die einer Stadionbeschallung gerecht werden würde. Die von dort ausgehende Beschallung haben die Bürger permanent, d.h. pausenlos (auch bei Regen) stunden- und tagelang zu ertragen. Hier hilft nur die Flucht.
Allein im Mai erwartet die Anwohner eine permanente Stadionbeschallung an 11 Tagen. Das ist die Gesamtzahl, die lt. Gesetz für derartige Veranstaltungen in dichtbesiedelten Räumen für das ganze Jahr erlaubt ist. Für die Hauptstrasse ist es dadegen erst der Anfang. Was sagt der Gesetzgeber dazu? (Er spricht von "Konfliktpotential").

Soweit uns bekannt ist, sind die Anwohner noch nie in Vorbereitung, Durchführung und Auswertung der Hauptstrassenfeste einbezogen worden. Noch nie gab es beispielsweise eine Beratung von Mietern der WOBA mit dem Gewerbemanagement des gleichen Unternehmens. Werden die Anwohner bewusst ausgegrenzt? Sind die Interessenlagen unvereinbar? Braucht man die Mieter nicht? Fürchtet man gar ihre andere Sicht und ihre ganz anderen Erfahrungen? Die Anwohner haben zu dulden, zu schweigen und sich in das Unvermeidbare zu fügen. Nur pünktlich die Miete zu zahlen, sollten sie nicht vergessen! Kann das der richtige Weg sein, der zu einer lebendigen Innenstadt führt? Vielleicht wäre es an der Zeit, dass sich die Anwohner der Hauptstrasse dazu einmal öffentlich äußern. Zu viele erdulden, schweigen und resignieren. Wir haben als Anwohner ein Recht darauf, auch unsere Wahrnehmungen einbringen zu dürfen. Wir wollen eine lebendige Innenstadt mit uns und nicht gegen uns. Wir wollen, dass bei allen anerkennenswerten Bemühungen weder die Festkultur noch die berechtigten Interessen der Anwohner auf der Strecke bleiben. Und der eine oder andere würde beim Feiern auch gern einmal mit einem Besucher ins Gespräch kommen. Auch das macht ein Fest aus. Jetzt ist das nicht möglich, denn bei der permanenten Beschallung versteht keiner seinen Nebenmann. Trifft letzteres im übertragenen Sinne auch auf das erhoffte Miteinander zwischen Anwohnern und Veranstaltern zu? Die Anwohner der Hauptstrasse können sich dieses Eindrucks seit langem nicht erwehren.

P. und I. Böhme (Anwohner)





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